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Glocken aus Propsteiturm entnommen

Brilon. Es sind echte historische Schwergewichte, die Donnerstagmorgen, 11. April 2019 aus der Propsteikirche geholt wurden: Vier Glocken – eine älter als die andere – gehen auf Reisen und werden überarbeitet.

Über eine Schall-Luke hievte ein 70-Tonnen-Kran die Glocken nacheinander aus dem Glockenturm. Eine Maßnahme, die Dipl.-Bauingenieur Gunther Rohrberg über drei Wochen genau planen musste. Am großen Tag landeten die Glocken Nr. 3, 4, 5 und 6 dann binnen einer Stunde sicher auf dem Boden vor der Propsteikirche. Bis ihre klangvollen Kollegen frühestens im Herbst diesen Jahres zurückkehren, läuten nur noch die Glocken Nr. 1 und 2 – immerhin, entsprechend der Nummerierung sind das die beiden größten Exemplare. „Aber das wird beim Klangbild schon einen großen Unterschied machen“, sagt Küster Willi Steffen, der die verbliebenen Glocken zum Gründonnerstag wieder läuten lässt.

Die neue Bürgerglocke von 1946 (Nr. 3) bekommt eine Klangkorrektur, bei der alten Bürgerglocke von 1583 (Nr. 4), der großen Schlagglocke von 1700 (Nr. 5) und der kleinen Schlagglocke von 1665 (Nr. 6) werden Ausbeulungen ausgeschweißt. Der Grund: „Wenn die Glocke schwingt, schlägt der Klöppel gegen den Glockenrand, was zur Ausbeulung führt“, so Gunther Rohrberg. Die neue Bürgerglocke hätte bereits in ihrem Gussjahr eine Klangkorrektur gebraucht. „Da in den Nachkriegsjahren zigtausend Glocken ersetzt werden mussten, passierte es häufiger, dass Glocken nach dem Guss nicht nachgestimmt wurden“, sagt Glockensachverständiger Theo Halekotte. Auch die neue Bürgerglocke ist einen Viertel-Ton zu hoch. Mit der Überarbeitung soll sie auf den Ton gebracht werden, der ursprünglich geplant war.

Erst die ebenmäßigen Körper aller Glocken und eine aufeinander abgestimmte Tonfolge ergeben in ihrer Gesamtheit ein harmonisches Geläut. „Entsprechend der Glockengröße entsteht eine Tonfolge mit tiefen, mittleren und hohen Tönen“, erklärt Gunther Rohrberg. Bevor die Glocken wieder an ihren Bestimmungsort zurückkehren können, werden sie daher einer Klanganalyse unterzogen.


„Außerdem wird eine siebte Glocke gegossen“, so Bauingenieur Gunther Rohrberg. Der Vorschlag dazu stammt von Theo Halekotte: „Die Glocke soll zur Entlastung der alten Glocken dienen.“ Gemeinsam wird man alle sieben Glocken nach Wiederbezug des Turms aber nicht läuten hören. „Die alte Bürgerglocke beißt sich im Ton mit der neuen Bürgerglocke. Später wird man also maximal sechs Glocken zusammen läuten hören“, erklärt der Glockensachverständige.

Zunächst müssen die Glocken von der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn bei Hessen vermessen werden. Die neue Bürgerglocke wird hier auch tonlich korrigiert, also gestimmt. Für die Glocken Nr. 4 bis 6 geht es dann nach Asten in die Niederlande. Dort wird die Firma Eijsbouts die Glocken in einem speziellen Schweißverfahren bearbeiten. Zurück in der hessischen Glockengießerei folgt die Tonalanalyse. „Jede Glocke hat einen Schlagton. Das ist der Ton, der hörbar ist, wenn sie angeschlagen wird. Dieser Schlagton setzt sich aus Teil-Tönen zusammen. Diese werden bei der Tonanalyse mittels Stimmgabel genau bestimmt und notiert“, erklärt Dipl.-Ingenieur Holger Schmidt von der Gießerei Rincker. Außerdem wird in Hessen auch die siebte Glocke gegossen.

Von Laura Baer, WestfalenPost


Vorne die alte Brgerglocke, dahinter die neue Brgerglocke
Vorne die alte Brgerglocke, dahinter die neue Brgerglocke